– Westpapuas Befreiungsbewegung und indigene ökologische Souveränität (Von Rio Kogoya, Kaum Muda Papua Progresif (KMP2))

Die geschichtliche Entwicklung der Ideologie des Volkes von Westpapua kann nicht von unseren traditionellen Glauben, Bräuchen und Beziehungen zur Natur, die innerhalb der Gemeinschaft bestehen und sich entwickelt haben getrennt werden. Unser erster Kampf ging gegen den westlichen Glauben. Laut einem Bericht, der 1863 von Ottow und Geisler, F. C. Kamma, christlichen Missionaren, die in Papua dienten veröffentlicht wurde, gab es theologischen Widerstand der Einheimischen gegen Zendeling und westliche christliche Missionare. (1)
Die erste lokale Glaubensgemeinschaft, die Widerstand leistete und für eine Befreiung kämpfte, war die Koreri-Bewegung von der Insel Biak in West Papua. Die Koreri glaubten an Manarkameri/Manseren Manggundi als einen Retter, der kommen und Gerechtigkeit, Frieden und Wohlstand bringen würde. Der Widerstand fand während der japanischen Besatzung in den Jahren 1942-1946 statt. Die Bewegung der Koreri in der Region Biak war zu dieser Zeit die Spektakulärste und Einflussreichste. Sie wurde von Angganitha Menufandu angeführt. Menufandu bezeichnete sich als die „Goldene Königin von Judäa“ und ernannte sich selbst zur Prophetin von Manseren Manggoendi. Die Koreri-Bewegung wandelte sich später von einer mystischen zu einer Unabhängigkeitsbewegung. Es gibt auch einheimische Theologien von Bergvölkern wie den Hai (Amugme-Stamm), den Ugatame (Mee-Stamm) und den Aber Niki (Dani-Stamm). (2)
Die gesammelten Erfahrungen aus dieser Geschichte des Glaubens und der Gewalt haben uns, die indigenen Papuas, in unserer ideologischen Entwicklung beeinflusst.
Westpapua erlangte am 1. Dezember 1961 unsere Unabhängigkeit, und einige Wochen später, am 19. Dezember, kamen indonesische Truppen unter Soekarno und besetzten das Gebiet in einer Militäroperation namens Operasi Trikora. Dies war der Beginn von Gewalt, Militäroperationen, Völkermord, Ökozid und einem langen Kampf der indigenen Papuas, um unsere Freiheit, die uns gestohlen wurde(...). Während einer Reihe von Militäroperationen in Westpapua von 1961 bis heute (3) sind 3 Millionen indigene Papuas, Männer, Frauen und Kinder, gestorben und haben das Land unserer Ahnen verloren, während unsere kulturellen Beziehungen zur Natur ebenfalls zerstört wurden.

Westpapua wurde 1969 durch einen Volksentscheid namens „Act of Free Choice“ (Pepera) Teil Indonesiens. Dieser wurde viel kritisiert, weil die indigenen Papuas nicht ausreichend beteiligt waren. Der Volksentscheid kam nach einem langen Streit zwischen den Niederlanden und der indonesischen Regierung über West Papua zustande. Er wurde von den Vereinigten Staaten von Amerika initiiert, die den Einfluss der Sowjetunion auf Indonesien zu jener Zeit (Kalter Krieg) fürchteten. Schließlich drängten die USA die niederländische Regierung, in New York mit Indonesien über West Papua zu verhandeln. Dies geschah ohne Einbeziehung der Papuas, obwohl es um unser Schicksal ging. Die Verhandlungen führten am 15. August 1962 zum New Yorker Abkommen.
Zu den Punkten des New Yorker Abkommens gehörte, dass die Niederländer Papua spätestens am 1. Oktober 1962 an die UN-Organisation United Nation Temporary Executive Authority (UNTEA) übergeben mussten. Das Abkommen war auch die Grundlage für den Pepera im Jahr 1969. Das New Yorker Abkommen sah vor, dass der Volksentscheid nach dem Prinzip „eine Person - eine Stimme“ durchgeführt werden sollte. Mit anderen Worten: Jeder Papua sollte eine Stimme haben, um seine Wahl zu treffen.
Der Pepera hat jedoch nicht wie erhofft funktioniert. Er wurde nicht durchgeführt wie im New Yorker Abkommen vorgesehen, da das System „eine Person - eine Stimme“ nicht angewendet wurde. Nur 1.025 Personen wurden ausgewählt, um die damals 800.000 Papuas in dem Pepera zu vertreten. Während des Volksentscheids gab es zudem viele Drohungen und Einschüchterungen seitens des indonesischen Militärs gegen die Teilnehmenden, von denen die meisten indigene Papuas waren, damit sie für den Anschluss an Indonesien stimmten.

Ökologische Zerstörung und die Befreiungsbewegung
Ökologie ist die Lehre von den Beziehungen zwischen lebenden Organismen, einschließlich des Menschen, und ihrer physischen Umwelt. Sie versucht, die lebenswichtigen Verbindungen zwischen Pflanzen und Tieren und der sie umgebenden Welt zu verstehen. Durch das Auftreten des Kapitalismus, des westlichen Imperialismus und des Kolonialismus wurden die Beziehungen zwischen den indigenen Papuas und der Natur verschleiert. (4)
Der Kolonialstaat Indonesien und die US-Imperialisten scheinen ein wirtschaftliches Interesse an West Papua gehabt zu haben. Zwei Jahre vor Beginn des Pepera, am 7. April 1967, unterzeichnete die indonesische Regierung eine Genehmigung für den Kupferabbau mit dem US-Unternehmen Freeport Sulphur of Delaware (heute PT Freeport Indonesia). Freeport baggerte daraufhin am Berg Nemangkawi, einem Gebiet, das heute zum Regierungsbezirk Mimika in Papua gehört. Der Berg Nemangkawi war die Heimat der einheimischen Amungme-Stämme. Und die Operation zerstörte erfolgreich die Beziehungen des Amungme-Volkes zur Natur und allen darin lebenden Wesen.
In der Mythologie der Amungme glaubt man, dass um den Berg Nemangkawi heilige Wesen leben, die die Macht haben, Fruchtbarkeit, Reichtum, Heilung und Hilfe beim Überwinden von Schwierigkeiten des Lebens zu bringen. Die Legenden im Tsinga-Tal besagen auch, dass der Nemangkawi als Honai gilt, als Sitz eines der führenden Clans des Tals. Die religiöse Beziehung zum Berg ist stark, wobei der Gipfel des Nemangkawi als Tor zwischen dem Himmel und der Welt der Menschen gilt. Die Amungme glauben, dass jeder Mensch, der stirbt, den Gipfel des Nemangkawi auf dem Weg in den Himmel betritt. Dieser Glaube verleiht dem Berg eine tiefe spirituelle Dimension.

Einige heilige Orte rund um Nemangkawi haben sich verändert. So ist Peyukate jetzt als Ridge Camp und Mile 72 als Grasberg bekannt. Orte, die früher als heilig und Kultstätten galten, sind jetzt Teil der Aktivitäten des Unternehmens. Der Stamm der Amungme, insbesondere diejenigen, die in den drei Tälern (Waa, Tsinga und Arwanop) leben, fühlen sich zurückgelassen und sind enttäuscht über den Verlust ohne eine angemessene Entschädigung. Verbunden mit PT Freeport Indonesia ist auch der Besuch des ersten europäischen Entdeckers Carstensz im Jahr 1623. Der hohe Gipfel des Nemangkawi, den Carstensz sah, als er vor der Küste von Mimika ankerte, ein schneebedeckter Gipfel, wurde Carstenzs-Pyramide genannt. Die Umbenennung durch die indonesische Regierung hat zu einer unterschiedlichen Bedeutung geführt, in der die Identität und Existenz des Volkes der Amungme nicht anerkannt wird. (5)
Solidarität ist der Schlüssel
Es gibt so viele Beispiele dafür, wie die westlichen, imperialistischen Länder mit Unterstützung des kolonialen Staates Indonesien versuchen, das Leben der indigenen Völker in Westpapua zu zerstören. Mit allen Mitteln wird versucht, die Einheit der Menschen und unsere heiligen Beziehungen zur Natur zu zerstören.
Rassismus, Diskriminierung, Mord und andere Gewalttaten gegen die Menschheit sind die Sprache der Kolonisatoren. Daher ist der Kampf für die nationale Befreiung unsere Pflicht und unser Recht auf Widerstand und Überleben. Die Jugend Papuas beginnt heute, sich in den Städten, in den Bergen und im Ausland zu organisieren, als Mittel zur Befreiung. Wir glauben, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine Angelegenheit aller Nationen sind, deshalb ist dieser Kampf, unser aller Kampf. Asiatisch, indonesisch, afrikanisch, arabisch, kurdisch, pazifisch, ja von uns allen. Solidarität ist der Schlüssel zur Freiheit und Befreiung der Menschen. Wir glauben, dass auch der Schutz der Umwelt nur durch die Befreiung Westpapuas von Kapitalismus, Imperialismus und Kolonialismus sicher erreicht werden kann.

(1) Kamma, F. C., Koreri. (1972). Messianic Movements in The Biak-Numfor Area, The Hague, Martinus Nijhoff. (2) Giay, Benny. (1996a). ’Masyarakat Amungme Irian Jaya, Modernisasi dan Agama Resmi: Sebuah Model Pertemuan’. Majalah Deiyai Januari-Februari 1996. Giay,
(4) https://www.esa.org/about/what-does-ecology-have-to-do-with-me/#:~:text=Ecology%20is%20the%20stu dy%20of,and%20the%20world%20around%20them
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